Arm sein - was bedeutet das eigentlich?

Arm sein bedeutet demnach auch, nicht am gesellschaftlichen Leben teilnehmen zu können und nicht dieselben Möglichkeiten zur Lebensentfaltung zu haben, wie andere Menschen. Um Armut "vergleichbar" zu machen, ziehen Untersuchungen und Konzepte zur Armut das Einkommen eines Haushalts oder einer Person als Vergleichswert heran.

Nach EU-Standard gilt als armutsgefährdet, wer über weniger als 60 Prozent des Medianeinkommens verfügt. Dabei stellt der materielle Mangel immer nur den Ausgangspunkt für eine Ursach-Wirkungs-Beziehung mit Benachteiligungen im Zugang zu Bildung, Gesundheit, Arbeit, Wohnen und Teilhabe dar. Ohne gezielte und präventive Unterstützung verstärken sich diese Wirkungen gegenseitig und führen zur Vererbung von Armut.

Armutsrisiko in BW

In Baden-Württemberg waren 2016 15,4 Prozent der Menschen armutsgefährdet. Einige Risikogruppen haben jedoch ein sehr viel höheres Armutsrisiko. So sind 54,1 Prozent der Erwerbslosen von Armut bedroht, bei Alleinerziehenden sind es 48 Prozent.
Kinder und Jugendliche bis 18 Jahren haben heute eine Armutsgefährdungsquote von 19,4 Prozent (im Vergleich: 2007 waren es 16,2, 2012 waren es 17,9 Prozent). Dies sind ca. 325.000 Kinder in Baden-Württemberg. Fast jedes 5. Kind!

Dimensionen der Armut

Armut und Bildung

Bildung ist die beste Armutsbekämpfung

Untersuchungen zeigen, dass der Bildungsstand mit dem Armutsrisiko korrespondiert, gleichzeitig ist die Bildungsbeteiligung auch eng mit dem sozioökonomischen Hintergrund verknüpft. Die Folge: Eltern mit einem geringeren Bildungsstand und größerem Armutsrisiko geben beides an Ihre Kinder weiter. Arme Kinder haben arme Eltern und keine Chance, diesem Teufelskreis zu entkommen.

Armutsrisiko eng mit dem schulischen und beruflichen Werdegang verknüpft

Während fast 50 Prozent aller Hauptschüler Eltern haben, die ebenfalls die Hauptschule absolviert haben, sind es gerade einmal 7,7 Prozent der Gymnasiasten, die Eltern mit einem Hauptschulabschluss haben.

Das Armutsrisiko liegt

  • mit Realschulabschluss bei 8,9 Prozent%
  • mit Hauptschulabschluss bei 16,5 Prozent
  • ohne Hauptschulabschluss bei 40,9 Prozent
  • mit Berufsausbildung bei 10 Prozent
  • ohne Berufsausbildung bei 26,9 Prozent

Armut und Wohnen

Arme Familien wohnen teurer

Die Wohnsituation in Deutschland ist vielerorts stark angespannt. Vor allem in Großstädten und Ballungsräumen ist die Wohnungsnot enorm hoch. Durch steigende Mietpreise, Gentrifizierung, erhöhte Nachfrage und wenig sozialen Wohnungsbau wird der Konkurrenzkampf noch weiter angeheizt.
Paradox: In Baden-Württemberg zahlen Haushalte, die ein größeres Armutsrisiko besitzen, auch mehr für die Wohnung. Gemessen am Haushaltseinkommen zahlen Sie ca. 20 Prozent mehr, als der Durchschnitt in Baden-Württemberg

Wohnkostenbelastung

Für Wohnkosten müssen aufgebracht werden:

  • im Durchschnitt in Ba-Wü: 23,5 % des Haushaltseinkommens
  • in armen Haushalten:43 % des Haushaltseinkommens
  • in Haushalten mit einem Kind: 42,2 % des Haushaltseinkommens
  • von Alleinerziehenden: 40,3 % des Haushaltseinkommens

Diese größere Belastung für die armutsgefährdeten Haushalte führt zu Problemen in anderen Lebensbereichen. Es kann weniger Geld für die Bildung oder Hobbies der Kinder ausgegeben werden. Urlaube oder andere Erholungsangebote sind nicht finanzierbar und außergewöhnliche Belastungen reißen ein tiefes Loch in die Haushaltskasse.
Wer billiger wohnen möchte oder muss, der nimmt viele Probleme der Wohnsituation in Kauf: Lage und schlechte Mobilität schränken Teilhabemöglichkeiten und damit die Entwicklung von Kindern ein. Lärmbelästigung oder Umweltverschmutzung wirken sich häufig negativ auf die Gesundheit aus.

Armut und Gesundheit

Armut macht krank - Krankheit macht arm

Armut wirkt sich unmittelbar auf den Gesundheitszustand und die Entwicklung von Kindern aus. Bereits im Kleinkindalter bestehen gesundheitliche Ungleichheiten zwischen armen Familien und Haushalten, die nicht armutsgefährdet sind. Die Folge sind Entwicklungsverzögerungen bei Kindern, vermehrt auftretende akute und chronische Krankheiten sowie eine subjektiv schlechtere Einschätzung des Gesundheitszustands. Menschen, die armutsgefährdet sind, …

  • … ernähren sich ungesünder
  • … haben ein erhöhtes Suchtrisiko
  • … leben kürzer (bei Männer -11 Jahre)

Je niedriger der Sozialstatus, desto schlechter ist der Gesundheitszustand

Nach Erhebungen des statistischen Landesamt Baden-Württemberg ist der allgemeine Gesundheitszustand bei Kindern und Jugendlichen, die mit einem niedrigen Sozialstatus aufwachsen fast drei Mal so hoch "mittelmäßig" bis "sehr schlecht" als bei Kindern, deren Eltern einen hohen Sozialstatus haben.

Armut und Teilhabe

Engagement und Freizeitgestaltung hängt vom Einkommen ab

Je größer die Armutsgefährdung ist, desto seltener engagieren sich Menschen ehrenamtlich und desto seltener sind Kinder in Vereinen aktiv.
In Baden-Württemberg herrscht deutschlandweit die größte Diskrepanz zwischen entspannter und angespannter finanzieller Situation im ehrenamtlichen Engagement. Während in ärmeren Haushalten lediglich 10 Prozent der Menschen regelmäßig oder sporadisch ehrenamtlich tätig sind, so sind es im Durchschnitt eigentlich doppelt so viele Menschen, die ein Ehrenamt ausüben.

In armutsgefährdeten Haushalten ist nicht einmal jedes zweite Kind in einem Sportverein aktiv

In einem Musikverein sind gerade einmal 12 Prozent der Kinder. Im Gegensatz dazu: 77 Prozent aller Kinder, die in Haushalten aufwachsen die nicht armutsgefährdet sind, sind in Sportvereinen, fast jedes dritte Kind in einem Musikverein aktiv.

Fazit: Teilhabe und Partizipation, und damit auch Entwicklung sozialer Kompetenzen und die Entfaltung von Talenten und Persönlichkeit, korrespondiert mit materiellem Mangel. Da sich eine unsichere finanzielle Situation auch negativ auf die Mobilität auswirkt, wird gesellschaftliche Teilhabe erschwert, ein sozialer und kultureller Mangel ist die Folge.